Omega-3-Fettsäure - Fetter Fisch für fitte Hirne?
17.02.2011 von Barbara Fischer
In den siebziger Jahren kam die Diskussion um die gesundheitliche Wirkung von Fisch ins Rollen als dänische Wissenschaftler den Gesundheitszustand und das Ernährungsverhalten von Dänen und grönländischen Inuit (Eskimos) verglichen.
Es zeigte sich, dass die Eskimos (was direkt übersetzt Rohfleischesser bedeutet) deutlich weniger an Herzinfarkt erkrankten – und das, obwohl sie kaum Obst und Gemüse aßen. Das führten die Forscher auf den enormen Fischverzehr in Grönland zurück.
Seit dem hält sich hartnäckig die Legende vom gesunden Fisch- und Fleischesser aus dem Norden. Gerade die Gegner der Vegetarierbewegung führen ihn gerne an, um die gesundheitlichen Vorzüge einer obst- und gemüsebetonten Kost zu widerlegen.
Ganz zu schweigen davon, dass natürlich auch die Fischproduzenten sowie die Pharmaindustrie mit ihren Fischölpräparaten ein Interesse am Weiterleben des vor Gesundheit strotzenden Eskimos haben. Mittlerweile haben die Hauptwirkstoffe des Fischöls – die mehrfach ungesättigten Omega-3-Fettsäuren - fast einen ähnlichen Status wie die allseits bekannten Vitamine.
Der Arbeitskreis Ernährungs- und Vitamininformation (evi) verkündet sogar: Die Geschichte der menschlichen Evolution muss neu geschrieben werden.
Laut evi habe der Homo Sapiens nur deswegen ein so großes Gehirn, weil er seinen Speiseplan dereinst auf reichlich Omega-3 umgestellt hätte, das als Schutz- und Wachstumsfaktor zentraler Nervenzellen gilt.
Empfohlen wird, dass der Speiseplan mit Fischölpräparaten ergänzt oder aber alltägliche Nahrungsmittel wie etwa Brot, Margarine oder Eier mit Omega-3 anreichert werden sollen.
Deutlicher kann man kaum für eine gezielte Nahrungsergänzung mit Fischöl plädieren. Warum tut evi das? Vielleicht weil der Arbeitskreis von DSM finanziert wird. Dieses holländische Pharmaunternehmen kaufte 2003 die Division für Vitamine und Feinchemikalien von Hofmann-LaRoche.
Die Legende vom gesunden Eskimo hat zahlreiche Tücken, denn mit dem Gesundheitszustand der Inuit ist es ganz und gar nicht zum Besten bestellt. Sie waren auch keinesfalls gesünder, als sie traditionell fast nur Fische-, Wal- und Robbenfleisch gegessen haben. Zwar gab es weniger Herzinfarkte, und die Vitamin-C-Versorgung war durch den Walspeck gesichert. Doch dafür hatten die Inuit mehr Schlaganfälle und Atemwegserkrankungen als wir. Der Gesundheitszustand lag insgesamt am Boden, und die Krebsrate war nur deshalb niedrig, weil die meisten Inuit gar nicht erst das Alter erreichten, in dem ein Mensch normalerweise an Krebs erkrankt.
Rolf Lindemann von der Deutschen Gesellschaft für Polarforschung erklärt, dass 1945 die mittlere Lebenserwartung in Grönland bei den Männern bei ca. 32 Jahren, bei den Frauen um 38 Jahre lag.
Heute immerhin bei 63 beziehungsweise 68 Jahren, weil die ärztliche Versorgung besser geworden ist und man nicht mehr in den ungesunden Torfsodenhäusern lebt. Zudem verunglücken weniger Inuit auf ihren waghalsigen Robben- und Waljagden im Kajak.
Das heißt, dass die Lebenserwartung stieg, weil sich die Lebensumstände insgesamt verbesserten, so dass es keine Rolle mehr spielte, ob frisch gefangener Fisch oder eine Fertigpizza auf dem Tisch der Inuit landete.
Aber die Geschichte vom gesunden Ureinwohner im ewigen Eis hat noch einen weiteren Haken. Die Ernährung und ihre Wirkung auf den menschlichen Organismus können nämlich je nach geographischer Region sehr unterschiedlich sein. Wenn eine auf arktische Lebensumstände spezialisierte Menschengruppe gut ohne Obst und Gemüse zurechtkommt, muss das noch lange nicht für Menschen in anderen Regionen gelten.
Schließlich gehört es zu den Gesetzen der Evolution, dass sich Lebewesen der Umwelt anpassen, um dem Schicksal des Aussterbens zu entgehen, und so hat sich auch der Darm der Inuit dem Nahrungsangebot der Arktis angepasst: Er ist kürzer und viel mehr auf die Verwertung von Eiweiß und Fetten ausgerichtet als der unsere.
Hätten wir einen Eskimospeisezettel, der fast nur aus Fisch und Fleisch besteht, würden unsere Stoffwechsel sowie unsere Harnsäure- und Blutfettwerte aus dem Ruder laufen. Würde sich hingegen ein Inuit in die Front der Vollwertköstler einreihen, hätte er große Probleme mit seiner Energieversorgung, so dass er vermutlich unter Apathie, chronischer Müdigkeit und Konzentrationsstörungen leiden würde. Zum Ausgleich bekäme er Bauchkrämpfe und Blähungen, weil sein Darm die Ballaststoffe aus dem Vollwertspeisezettel nicht verträgt.
Der menschliche Verdauungsapparat funktioniert eben immer dann am besten, wenn er das bekommt, woran er sich schon seit Jahrtausenden gewöhnt hat.
Nichtsdestotrotz sollte man sich nicht zu einer generellen Abwertung von Fischöl hinreißen lassen.
Denn nach wie vor steht fest:
Omega-3 gehört zu den wichtigen Bausteinen der Membranen von Neuronen und anderen Körperzellen, und sie spielen eine wichtige Rolle im Entzündungsgeschehen. Eine Unterversorgung mit Omega-3 kann zu Nervenleiden und Depressionen führen, den Blutfluss verschlechtern und den Verlauf von Rheuma und Dermatitis verschlimmern. Offen bleibt allerdings die Frage, in welchen Mengen wir den Stoff zu uns führen sollten.
Das Verhältnis von Omega-3 zu Omega-6-Fettsäuren, die vor allem im Getreide vorkommen, sollte 5:1 betragen. Auf diesen Quotienten kommt man auch ohne Fischölkapseln und ohne tägliche Fischmahlzeit, wenn man beispielsweise statt Sonnenblumen-, Distel-, oder Maiskeimöl die omega-3-reichen Öle von Raps, Leinen und Walnuss verwendet und immer wieder Nüsse in den Speisezettel einstreut.


