Süße Sachen für Zwerge
17.02.2011 von Barbara Fischer
Lebensmittel für Kinder sind in. Extrawürste für die Kleinen, Süppchen, Fischstäbchen und immer mehr Fertiggerichte, Spaghetti mit Sauce, Märchenteller, Ravioli. Vor allem Molkereiprodukte füllen Kühltheken und Supermarktregale und lassen mit rund 60 Millionen Euro jährlich die Kassen klingeln.
Es gibt Joghurts und Joghurtdrinks, Quarkspeisen, Puddings,
Milchgetränke und süße Riegel. Frühstücks-Crips, Crunchys und Flakes,
Kekse, süße Brotaufstriche und Getränke sind ebenfalls für Kunde Kind
gemacht. Die meisten speziell für Kinder gedachten Nahrungsmittel
schmecken süß sagt Ernährungsexpertin Mathilde Kersting vom
Forschungsinstitut für Kinderernährung, die das Angebot unter die Lupe
nahm – und nicht viel Empfehlenswertes fand.
Eine Umfrage der
Verbraucher-Zentrale Nordrhein-Westfalen und des WDR ergab, dass 74
Prozent der Eltern regelmäßig Kinderprodukte kaufen. Doch irgendwann
greift jede Mutter einmal zu Kinderlebensmitteln, vermutet die
Lebensmittelzeitung. Spätestens wenn die Kleinen mit einkaufen gehen und
ihre Wünsche quengelnd, notfalls auch lautstark anmelden, kommen die
Eltern nicht mehr an den bunten, mit lachenden Tieren, Comicfiguren oder
Zwergen aufgemachten Produkten vorbei.
Knapp 36 Prozent der
Eltern glauben nach der Studie von Verbraucherzentrale und WDR, dass
Kinderlebensmittel für die Jüngsten besonders geeignet sind. Schließlich
enthalten die Verpackungen neben bunten Bildchen doch meist auch eine
Gesundheitsinformation für Mutti und Vati. So sei das Produkt Hohes C
Multivitamin eine optimale Kombination von 8 Fruchtsorten, die die
Versorgung mit den wichtigsten Vitaminen ermöglicht, schreibt die Firma
Eckes-Granini auf ihren kleinen Tetrapacks. Das Kakaopulver Nesquik von
Nestlé enthält laut Verpackung Vitamine und Traubenzucker, die
Milchschnitte von Ferrero sei ohne Zusatz von Farbstoffen, Alkohol und
Konservierungsstoffen hergestellt, dafür aber mit Milch und Honig. Und
die Fruchtzwerge sind jetzt ohne Kristallzucker, aber mit der Süße aus
Früchten – bei gleichem Geschmack, sagt Anbieter Gervais-Danone.
Klingt gut. Doch ist das, was die Industrie speziell für die Kleinsten herstellt, tatsächlich gesund?
Viele
Produkte, die speziell für Kinder gemacht sind oder die von den Kleinen
gerne gegessen werden, sind zu süß. Gut 85 Prozent sind mit Zucker
gesüßt, ergab eine Studie des Forschungsinstituts für Kinderernährung,
in der der Markt unter die Lupe genommen wurde. Sie enthalten zuviel
Fett und Eiweiß, aber zuwenig Ballaststoffe. Meistens sind sie stark
industriell verarbeitet, wobei Vitamine und Geschmack auf der Strecke
bleiben. Viele werden deshalb mit Aromen schmackhaft gemacht – womit der
Körper in die Irre geführt wird. In mehr als 70 Prozent der
Kidsprodukte stecken die künstlichen Geschmacksmacher. Oder sie
enthalten Extravitamine. Und die vielen Zusatzstoffe sind ein Risiko
nicht nur für Allergiker.
Eigentlich schade, dass die
Lebensmittelmacher viele Produkte, die gesund sind und die Kinder für
ihr Wachstum brauchen, so verändern, dass sie mit gesunder Nahrung nur
noch wenig zu tun haben.
Wer seinen Kindern Milch geben will,
soll ihnen Milch geben, meinen die Fachleute. Und nicht jene Produkte
namentlich von Ferrero, die die Milch im Namen tragen oder auf der
Packung zeigen, aber doch recht wenig davon enthalten, und das auch noch
in fester Form, als gestaltetes, gezuckertes, gefettetes Pulver. Die
Milchschnitte beispielsweise gilt als gesund, wegen der Milch und
vielleicht auch wegen des abgebildeten Korns auf der Packung. Doch
Vollkorn enthalten die rechteckigen süßen Riegel gar nicht und Milch nur
wenig.
Eine Milchschnitte von 30 Gramm enthält nämlich gerade
mal die einem Esslöffel entsprechende Menge Milch von 12 Gramm. Erst
siebzehn dieser Schnitten würden ein Glas Milch (0,2 Liter) ergeben –
doch hätte man mit diesen siebzehn Milchschnitten über 2000 Kilokalorien
gegessen – das Glas Milch hat nur 130 Kilokalorien.
Wenn der kleine Hunger kommt, ist es Zeit für die Fruchtzwerge. Sie sind ja auch so gesund, oder?
Joghurts,
die speziell für Kinder angeboten werden, bestehen meist aus Vollmilch,
einer Fruchtzubereitung, Zucker und Aromastoffen. Fast immer werden
noch Traubenzucker, Fruchtzucker, Vitamine und Kalzium zugegeben.
Kinderquarks enthalten neben Quark ebenfalls eine Fruchtzubereitung,
Vitamine, Kalzium und Aromastoffe. Und wieder: Zucker.
In einem
125-Gramm-Becher können bis zu sieben Stücke Würfelzucker stecken, sagt
Ursula Teneberg-Weber, Kinderernährungsexpertin bei der
Verbraucher-Zentrale Nordrhein-Westfalen. Auch wenn es sich um Trauben-
oder Fruchtzucker handelt: Das ist, selbst wenn es die Werbung
behauptet, keine Nervennahrung und liefert, wie normaler Zucker auch,
nur kurzfristig Energie. Fruchtzucker kann in größeren Mengen sogar
abführend wirken.
Dass man Kindern etwas besonders Gutes tut,
wenn man ihnen Kinderjoghurts gibt, ist ein Irrtum. In den grellbunten
Verpackungen steckt letztlich nichts anderes als in den größeren Bechern
für Erwachsene: Joghurt oder Quark, eine Fruchtmischung, Zucker und
Aromastoffe.
Am besten ist es, man mischt sich den Quark oder das Joghurt selbst:
Naturjoghurt oder Quark, Obst (frisch oder gefroren), etwas Honig – fertig!


